Warum Organisationen aus Kommunikation bestehen und was das für Führung wirklich bedeutet.
Es gibt diesen Moment, der sich schwer beschreiben lässt, den man aber sofort erkennt, wenn er passiert.
Führungskräfte sitzen in der Systemgestalterausbildung, hören diesen einen Satz und irgendetwas in ihrem bisherigen Verständnis beginnt zu kippen. Nicht schlagartig, eher wie ein langsames Verschieben der inneren Ordnung. Da ist erst Irritation, dann so ein leichtes inneres Dagegenhalten und irgendwann merkst du: jetzt arbeitet es.
Der Satz ist eigentlich unspektakulär:
„Organisationen bestehen nicht aus Menschen.“
Und genau das macht ihn so wirksam. Weil er im ersten Moment komplett kontraintuitiv ist. Natürlich bestehen Organisationen aus Menschen, was denn sonst? Und gleichzeitig spürt man ziemlich schnell, dass genau diese vermeintliche Selbstverständlichkeit nicht ausreicht, um zu erklären, was in Organisationen tagtäglich passiert.
Was dann meistens folgt, ist der zweite, leisere Gedanke:
Wenn das stimmt, bin ich als Mensch dann überhaupt Teil der Organisation?
Die Systemtheorie sagt: nein.
Zumindest nicht in der Form, wie wir es intuitiv annehmen.
Was in Organisationen wirklich passiert
Das, was wir als „Organisation“ beobachten, beschreibt die Systemtheorie als Kommunikationsoperationen. Aus dem, was gesagt wird, aus Verhalten, aus Entscheidungen, aus Reaktionen. Menschen sind daran beteiligt, klar. Aber sie – konkreter ihre Psychen – stehen gleichzeitig auch immer ein Stück außerhalb davon. Sie beobachten, interpretieren, basteln Reaktionen, aus denen dann wieder neue Kommunikation nach außen entsteht.
Ich habe noch nie eine Organisation (Familien, Paare, Vereine oder sonstige soziale Systeme) erlebt, in der Menschen morgens aufstehen und bewusst entscheiden, Dinge kompliziert zu machen, Konflikte zu produzieren oder gute Ideen im Keim zu ersticken. Und trotzdem passiert genau das. Immer wieder. In unterschiedlichsten Kontexten, Branchen, Hierarchien.
Wenn man dann anfängt, sich damit zu beschäftigen, kommt man relativ schnell an die Grenze dessen, was klassische BWL-Logik anbietet. Die Idee, dass gute Einzelleistung automatisch zu gutem Gesamtergebnis führt, hat ihre Berechtigung, aber sie erklärt eben nicht, warum sich Verhalten ausprägt, das offensichtlich keinem nützt.
Und genau da wird die systemtheoretische Perspektive interessant, weil sie den Blick verschiebt. Weg vom Menschen als zentralem Hebel, hin zu dem, was zwischen Menschen passiert. Kommunikation.
Das klingt erstmal banal, ist es aber nicht. Denn Kommunikation ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess. Etwas wird gesagt oder getan, jemand anderes greift es auf, interpretiert es aus seiner eigenen Perspektive, reagiert darauf und daraus entsteht wieder neue Kommunikation. Und so weiter.
In diesem ständigen Kreislauf entscheidet sich, was im System „überlebt“.
Denn es geht nicht einfach darum, dass kommuniziert wird, sondern darum, welche Kommunikation überhaupt anschlussfähig ist. Also was aufgegriffen wird, woran weitergebaut wird und was einfach ins Leere läuft.
Und genau hier kommt etwas dazu, das man im Alltag oft unterschätzt: Jeder schaut anders auf das, was passiert. Jeder konstruiert sich sein eigenes Bild der Situation, basierend auf Erfahrung, Rolle, Erwartungen. Es gibt nicht die eine Realität im System und trotzdem stabilisieren sich bestimmte Muster, weil nicht Wahrnehmung entscheidend ist, sondern Anschlussfähigkeit.
In dem Moment wird verständlich, warum manche Dinge trotz bester Absichten keine Wirkung entfalten. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil sie im jeweiligen System keinen Anschluss finden. Und umgekehrt halten sich Muster erstaunlich hartnäckig, einfach weil sie historisch gewachsen und immer wieder reproduziert worden sind. Systeme haben eine enorme Fähigkeit, sich selbst stabil zu halten, indem sie das fortsetzen, was in der Vergangenheit funktioniert hat.
Das gibt Sicherheit, klar. Aber es erklärt eben auch, warum Veränderung sich so oft zäh anfühlt.
Und an der Stelle kommt ein Gedanke ins Spiel, der viele erstmal irritiert: Veränderung passiert nicht durch Einsicht und auch nicht durch den nächsten gut gemeinten Führungsimpuls. Sie passiert durch Störung. Durch Irritation. Durch etwas, das nicht ins gewohnte Muster passt und deshalb Aufmerksamkeit erzeugt.
Das klingt theoretisch, wird aber sehr konkret, wenn man sich selbst beobachtet. Eine Führungskraft hat in der Ausbildung einmal ziemlich offen beschrieben, wie schnell sie innerlich dabei ist, Lösungen zu formulieren, sobald ein Problem auftaucht. Nicht aus Ungeduld, sondern aus einem tief verankerten Bedürfnis, mit Klarheit und Orientierung zu helfen. Und gleichzeitig wurde ihr bewusst, dass genau diese Geschwindigkeit oft verhindert, wirklich zu verstehen, was da gerade im System passiert.
Was Führung heute wirklich leisten muss
Wenn man das einmal ernst nimmt, verändert sich der Blick auf Führung ziemlich grundlegend. Es geht weniger darum, Antworten zu haben oder Dinge „richtig“ zu machen, und viel mehr darum, wahrzunehmen, welche Dynamiken wirken, welche Perspektiven vielleicht noch gar nicht sichtbar sind und wo Kommunikation bisher keinen Raum hatte.
Das ist kein besonders komfortabler Ort, weil er weniger Kontrolle verspricht. Organisationen sind in diesem Verständnis operativ geschlossen, das heißt, sie entscheiden selbst, was sie aus Impulsen von außen machen. Man kann also nicht einfach festlegen, was passiert. Man kann auch keine Kultur „verordnen“. Aber man kann sehr wohl beeinflussen, welche Kommunikation möglich wird und welche nicht.
Und genau da verschiebt sich die Rolle von Führung. Weg von der Idee, Menschen verändern oder mitnehmen zu müssen, hin zu der Frage, wie man Bedingungen schafft, unter denen andere Formen von Austausch überhaupt entstehen können.
Ein Bild aus der Ausbildung bringt das ganz gut auf den Punkt: Mehrere Menschen versuchen gemeinsam eine stabile Form zu halten, und in dem Moment, in dem sie glauben, jetzt passt es, verändert sich wieder etwas. Es ist ein permanentes Austarieren, kein statischer Zustand. Organisationen halten nicht still, auch wenn wir uns das manchmal wünschen.
Wenn man das akzeptiert, stellt sich die Frage anders. Nicht mehr, wie man Stabilität herstellt, sondern wie man mit dieser ständigen Bewegung umgeht, ohne sie reflexhaft zu glätten.
Und vielleicht liegt genau darin der eigentliche Hebel für Veränderung. Nicht in noch klareren Ansagen oder besseren Konzepten, sondern in der Bereitschaft, Irritation zuzulassen und so lange im Raum zu halten, bis etwas Neues anschlussfähig wird.
Das ist deutlich anstrengender als viele der klassischen Führungsrezepte. Aber es ist auch ehrlicher.
Und es erklärt ziemlich gut, warum sich Organisationen eben nicht durch das verändern, was einzelne wollen, sondern durch das, was im System tatsächlich aufgegriffen und weitergeführt wird.
Vielleicht ist das die zugespitzte Form davon:
Du arbeitest nicht mit Menschen. Du arbeitest in einem Kommunikationssystem.
Und genau an der Stelle wird es für Führung ernst.
Denn wenn das stimmt, dann ist ein Großteil dessen, was wir heute in Führungskräfteprogrammen trainieren, bestenfalls unvollständig und im schlechtesten Fall zerstörerisch.
Wir arbeiten an Haltung. An Kommunikationstechniken. An Persönlichkeitsentwicklung.
Alles irgendwie sinnvoll. Aber unterkomplex.
Solange unklar bleibt, wie das System funktioniert, in dem diese Dinge wirken sollen, bleibt der Effekt… zufällig. Oder schlimmer: frustrierend. Weil Führungskräfte anfangen, an sich selbst zu zweifeln, obwohl sie in Wirklichkeit gegen Systemlogiken arbeiten, die sie gar nicht sehen.
Die eigentliche Leistung von Führung verschiebt sich damit. Weg von der Idee, sich und Menschen in ihren Teams besser zu machen. Hin zu der Fähigkeit, Systeme zu beobachten, Unterschiede wahrzunehmen und gezielt Kommunikation zu irritieren, die sich zu sehr verfestigt hat.
Das bedeutet nicht, weniger zu führen. Sondern präziser.
Weniger Aktionismus, mehr Wahrnehmung.
Weniger Antworten, mehr Unterschiedsbildung.
Weniger Steuerungsfantasie, mehr Arbeit an Anschlussfähigkeit.
Und genau das ist der Punkt, an dem Systemtheorie nicht mehr „nice to have“ ist. Sondern Voraussetzung. Weil sie den Rahmen liefert, in dem Führung und Steuerung überhaupt erst verstehbar werden. Alles andere bleibt Stückwerk.
Klar, ohne Kunden gäbe es kein Unternehmen. Kunden legitimieren damit die Existenz eines jeden Unternehmens. Doch wer den Kunden immer an erster Stelle verortet, der tut selbst dem Kunden nicht immer einen Gefallen. Geschweige denn sich selbst!
Wer den Kunden nämlich permanent an erste Stelle stellt, leidet früher oder später an Überforderung und Orientierungslosigkeit. Jeder Wunsch wird erfüllt, jede Ausnahme gewährt, jeder Prozess so angepasst, dass Schritt für Schritt immer unklarer wird, wofür man als Unternehmen eigentlich steht.
Wer dem Kunden wirklich dienen möchte, positioniert sich selbst an erster Stelle!
Zuerst kommt nämlich die stabile eigene Unternehmensidentität, aus der heraus dem Kunden ein starkes Angebot bereitet werden kann. Wenn ein Unternehmen nicht sicher weiß, wer es ist und wofür es steht, kann niemand Vertrauen zu ihm entwickeln.
In Zeiten wachsender Dynamik frage dich also seltener, was der Kunde jetzt braucht. Frage dich lieber, wer du heute bist und morgen sein willst.
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