Tools im Wochentakt, Pilotprojekte in jedem Bereich, KI als Pflichtthema in jeder Führungsrunde. Und trotzdem bleibt ein Gefühl, das schwer zu greifen ist: Die Menschen werden produktiver, das Unternehmen als Ganzes wird es nicht.
KI ist im Tagesgeschäft angekommen. Marketing erstellt Content generativ, der Vertrieb lässt Angebote vorprüfen, in der Entwicklung entstehen eigene Auswertungstools. Es ist viel in Bewegung und als Werkzeug macht KI Mitarbeitende schon heute spürbar produktiver.
Und doch lässt die große Wirkung auf sich warten. Aus der Vielzahl kleiner Bewegungen wird das Unternehmen nicht wirksamer. Sie verunsichern es.
Die große Illusion liegt darin, technologische Bewegung schon für Transformation zu halten.
Deutschland gehört zu den Ländern mit der weltweit höchsten KI-Nutzung. Der strategische Nutzen aber bleibt deutlich dahinter. Der strategische Nutzen aber bleibt deutlich dahinter. KI unterstützt das Tagesgeschäft und verändert nur selten das Geschäft selbst.
Katalysator und Spiegel zugleich
Der Grund liegt weniger in der Technologie als in den Bedingungen, auf die sie trifft. Wo Verantwortlichkeiten klar sind und Entscheidungswege kurz, entfaltet KI sich. Wo Zuständigkeiten diffus bleiben, beschleunigt sie vor allem das Bestehende. Schlechte Abläufe laufen schneller. Silodenken wird digital.
Wer einen schlechten Prozess digitalisiert, erhält keinen besseren Prozess. Nur einen schnelleren.
So wirkt KI gleichzeitig wie ein Katalysator und wie ein Spiegel: Sie beschleunigt bestehende Muster und macht zugleich sichtbar, wie ein Unternehmen tatsächlich arbeitet. Thorsten Heilig, Gründer von paretos, einer Heidelberger Plattform für KI-gestützte Entscheidungsfindung, erzählt von einem Kunden, der vor dem Rollout zur Vorsicht mahnte: „Wenn wir das, was euer System kann, bei uns als Verbesserung direkt einspielen, dann bekomme ich irgendwann die Frage, was habe ich eigentlich vorher gemacht?“ Wenn das System eine bessere Entscheidung sichtbar mache, komme zwangsläufig die Frage, was man eigentlich vorher getan habe. Das ist die Rückseite des Spiegels und in einer Organisation, die auf Absicherung gebaut ist, wird genau diese Frage unbequem.
Worum es wirklich geht
Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die lange kaum gestellt werden musste: Wie handlungsfähig ist die eigene Organisation unter Bedingungen permanenter Veränderung überhaupt noch? Was KI sichtbar macht, ist kein Technologieproblem. Es ist eines der organisationalen Handlungsfähigkeit.
KI ist also nicht das Problem. Sie macht das Eigentliche sichtbar.
Warum diese Strukturen so schwer beweglich sind und welche Muster dahinterliegen, schauen wir uns im zweiten Teil dieser Reihe an.
Klar, ohne Kunden gäbe es kein Unternehmen. Kunden legitimieren damit die Existenz eines jeden Unternehmens. Doch wer den Kunden immer an erster Stelle verortet, der tut selbst dem Kunden nicht immer einen Gefallen. Geschweige denn sich selbst!
Wer den Kunden nämlich permanent an erste Stelle stellt, leidet früher oder später an Überforderung und Orientierungslosigkeit. Jeder Wunsch wird erfüllt, jede Ausnahme gewährt, jeder Prozess so angepasst, dass Schritt für Schritt immer unklarer wird, wofür man als Unternehmen eigentlich steht.
Wer dem Kunden wirklich dienen möchte, positioniert sich selbst an erster Stelle!
Zuerst kommt nämlich die stabile eigene Unternehmensidentität, aus der heraus dem Kunden ein starkes Angebot bereitet werden kann. Wenn ein Unternehmen nicht sicher weiß, wer es ist und wofür es steht, kann niemand Vertrauen zu ihm entwickeln.
In Zeiten wachsender Dynamik frage dich also seltener, was der Kunde jetzt braucht. Frage dich lieber, wer du heute bist und morgen sein willst.
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