Ein Praktikumsbericht übers Menschsein – wie ich anfing zu blühen

Von November bis Januar hatte ich die Chance, ein dreimonatiges Praktikum bei VORSPRUNGatwork zu machen. Nach meinem Bachelorstudium in Handelsmanagement und einer intensiven Erfahrung, fünf Monate Vollzeit im Coffee Room Berlin zu arbeiten (denn ich wollte bis dato mein eigenes Café eröffnen), hatte ich den starken Wunsch, ein selbstorganisiertes, sinnorientiertes Unternehmen live zu erleben und darin mitzuwirken. Dabei lässt sich meine Praktikumszeit im Nachhinein gut in ein Bild zusammenfassen: Eine Blumenwiese und der Nährboden, auf dem sie wächst. Dieses Bild möchte ich Euch zum Abschied mitgeben.

Mein erster Eindruck bei VORSPRUNGatwork war zunächst überwältigend. Lauter bunte Blumen, die mir teilweise fremd, teilweise auch erstaunlich vertraut vorkamen. So hatte ich auf der einen Seite das Gefühl, dass hier so vieles anders läuft. Zum Beispiel, dass kaum ein*e Vorspringer*in einen fixen Arbeitsplatz hat, sondern jede*r ihn sich täglich neu aussucht. Oder, dass die Vorspringer*innen in Kreisen und Zellen organisiert sind, statt in hierarchischen Linien und Kästchen. Entscheidungen werden daher auf ganz andere Art und Weise getroffen. Obwohl ich bereits viel über „New Work“ gelesen hatte, fiel es meinem Kopf anfangs schwer, die bei VORSPRUNGatwork gelebte Realität einzuordnen. Auf der anderen Seite fühlte es sich „so normal“ an, hier zu sein. Die Atmosphäre wirkte kein bisschen gewollt, sondern sehr losgelöst und gleichzeitig respektvoll – einfach menschlich.Vor diesem Hintergrund trieb mich am Anfang halb bewusst, halb unbewusst vorwiegend eines: Ich wollte verstehen, wie New Work, Selbstorganisation, oder wie auch immer man es nennen mag, „funktioniert“.

Die ersten beiden Monate empfand ich dabei wie ein Schmetterling über der Blumenwiese: Ich flog von einer Blume zur nächsten, kostete hier ein bisschen vom Nektar und dort ein bisschen, ohne mich wirklich auf eine Blume einlassen, geschweige denn festlegen zu wollen. Einerseits, weil ich den vermeintlichen Gesamtüberblick von oben nicht aufgeben wollte, und andererseits, weil zwar alle Blumen ganz interessant erschienen, mich aber keine so wirklich fesselte. Was wäre, wenn ich mich für eine Blume entschied, die mir bereits nach kurzer Zeit nicht mehr schmeckt? Vielleicht hemmte mich auch der Gedanke, dass mich ein statischer Zustand erwarten würde, sobald ich zur Blume wechselte. Ich müsste ab jetzt nur noch blühen! Und, wenn ich mich für eine Blume entschied: Wie ließe sich das mit meinem Wunsch vereinbaren, das Ökosystem Blumenwiese als Ganzes zu begreifen? So begleitete mich in dieser Zeit das komische Gefühl, einerseits bei VORSPRUNGatwork aktiv dabei zu sein, andererseits aber nicht wirklich als „Charlotte“ mitwirken und beitragen zu können.

Durch Vorspringer*innen geleitet und ermutigt, entschied ich mich Mitte des zweiten Monats für eine Blume – und damit dafür, konkret Verantwortung zu übernehmen. Damit gab ich es auf, ein Schmetterling zu sein und wurde ganz zur Blume. Und siehe da, nach kurzer Zeit: Was für ein anderes, erfüllendes Gefühl! Ich durfte erfahren: Eine Blume ist gar nichts so Statisches, dass sich nicht verändert und bei dem ich Sorge haben muss, mich in ihr gefangen zu fühlen. Ich kann sie richtig ausfüllen und ihr meinen persönlichen Touch geben. Warum? Weil meine Umgebung mich auch als wachsende und welkende Blume verstand, die sich über die Jahreszeiten hinweg verändert. So durfte ich frei meiner wahren Natur eines sich verändernden, entwickelnden Wesens entsprechen. Anders ausgedrückt: Es wurde nichts von mir erwartet, dass ich nicht bin.

Rückblickend kommt es mir bei diesem Bild nahezu banal vor, überhaupt die Sorge gehabt zu haben, als Blume für ewig auf unnatürliche Weise in der Blüte „festzustecken“. Wer erwartet schon von einer Blume, dass sie ewig blüht? Ich glaube, paradoxerweise, das ist im Arbeitskontext gar nicht so selten.

Liebe VORSPRINGER*INNEN, dafür bin ich Euch so dankbar: Ihr habt mir Wege aufgezeigt, wie ich zur Blumenwiese beitragen kann – mit einer Blume, die mir entspricht und in der ich wirklich Blume in all ihren Facetten sein darf. Ihr habt an mich geglaubt, dass auch ich Teil dieser Wiese sein kann. Ihr habt mich als Blumenwiese angelacht, willkommen geheißen und als Schmetterling immer wieder eingeladen, doch auch zur Blume zu werden. Und das wichtigste: Ihr habt den Nährboden für all diese Erfahrungen bereitet.

Denn plötzlich, als ich zur Blume wurde, entdeckte ich: Der Gesamtüberblick liegt da unten! Mit meinen Wurzeln ertastete ich zum ersten Mal wirklich, was „New Work“, Selbstorganisation, oder wie auch immer man es nennen mag, bedeutet. Es ist der Nährboden! Denn selbstorganisierte Unternehmen „funktionieren“ nicht, so wie eine Maschine funktioniert. Deshalb konnte ich die Blumenwiese auch nicht von oben begreifen, so wie ich eine Maschine durch das Betrachten all ihrer Einzelteile verstehen kann. Vielmehr geht es um den Nährboden, um die Haltung, die hinter den selbstorganisierten Strukturen und Arbeitsweisen steht. Es ist die Haltung und der Nährboden, aus der in selbstorganisierten Unternehmen alles entsteht oder auch nicht entsteht. Darum geht es also „im Grunde“ bei Selbstorganisation: Für einen gesunden Nährboden (Haltung) zu sorgen. Dank ihr wachsen und gedeihen durch stürmische, wie sonnige Zeiten hinweg die wunderbarsten Blumen zu einer prachtvollen Blumenwiese.

Danke, dass ihr mir erlaubt habt, diesen Nährboden zu fühlen. Danke für die Erfahrung mit so vielen wunderbaren Vorspringer*innen-Blumen in Berührung kommen zu können, die einen so reichhaltigen Nährboden bewusst als ihr Selbstverständnis schätzen und pflegen. Ich bin jetzt richtig auf den Geschmack gekommen und hungrig darauf, weitere reichhaltige Nährböden zu kosten und zu bereichern.